"Sie haben für Empörung gesorgt"

Hausärzte-Chef weist Kassen in die Schranken

Beim GKV-Spitzenverband ist an diesem Freitag (29. Juni) ein Brief mit deutlichen Worten eingetroffen: Hausärzte-Chef Ulrich Weigeldt kritisiert darin nicht nur die Forderung nach mehr Sprechzeiten. Vor allem zunehmende Eingriffe in die Freiberuflichkeit und der Tonfall der Kassen missfallen.

Berlin. Auf die jüngsten Forderungen des GKV-Spitzenverbandes, die Sprechstundenzeit in die Abendstunden sowie samstags auszudehnen, hat der Deutsche Hausärzteverband mit scharfer Kritik reagiert. In einem offenen Brief an den Vorstand der Kassen betont Bundesvorsitzender Ulrich Weigeldt: „Ihre zunehmenden Bestrebungen, unmittelbar in den Praxisalltag der Ärztinnen und Ärzte einzugreifen, beispielsweise im Rahmen der Ausgestaltung der Sprechstundenzeiten, sind ein Versuch, den freien Beruf des Arztes zu normieren." Diesem Versuch stelle man sich als Verband „entschieden entgegen", heißt es in dem auf den 29. Juni datierten Schreiben.

Die Kassen hatten sich vergangene Woche für ausgedehntere Praxis-Öffnungszeiten abends und am Wochenende ausgesprochen, damit Kassenpatienten leichter an Termine kommen. Ärzte könnten mehr Sprechstunden zu Zeiten anbieten, in denen sie es bisher nicht tun, sagte Johann-Magnus von Stackelberg, stellvertretender Vorstandschef des GKV-Spitzenverbands. Eine bessere Vergütung sei dafür zwar denkbar, man sehe Forderungen der Ärzte nach entsprechend mehr Geld aber "sehr kritisch", sagte von Stackelberg Medienberichten zufolge in Brandenburg. Da die GKV 90 Prozent der Bevölkerung versichere, sei auch zu erwarten, dass Ärzte diesen Patienten den überwiegenden Teil der Sprechstundenzeit zur Verfügung stellten.

Gegen solche „Behauptungen, die nahelegen, dass die Probleme bei der Sicherstellung der hausärztlichen Versorgung aus einer mangelnden Leistungsbereitschaft der Hausärztinnen und Hausärzte resultieren", wehrt sich Weigeldt nun entschieden. Bereits in einer ersten Reaktion hatte der Hausärzte-Chef den Vorstoß der Kassen als „abenteuerlich" zurückgewiesen. Auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) reagierte mit deutlicher Kritik.

Die Realität: 53 Stunden ärztliche Arbeitszeit pro Woche

„Ihre Aussagen belegen eine zunehmende Entfremdung Ihrer Organisation mit dem Versorgungsalltag", sagt Weigeldt nun in Richtung GKV-Spitzenverband. Er verweist auf Erhebungen, die zeigen, dass die durchschnittliche ärztliche Arbeitszeit bei 53 Stunden pro Woche liegt. Auch verkenne der Spitzenverband, dass bereits heute viele Hausärzte etwa im Rahmen der Notdienste am Wochenende im Einsatz seien.

Auch eine Umfrage von "Der Hausarzt", an der sich im April insgesamt 118 Leser per Fax oder Online-Formular beteiligt hatten, zeigte, dass der deutlich überwiegende Teil (40 Prozent) bereits heute schon mehr als 30 Stunden pro Woche für gesetzlich versicherte Patienten da ist.

Ein entscheidendes Kriterium bei der Zunahme der Arbeitsbelastung sei die überbordende Bürokratie in den Praxen, die auch abschreckend auf den hausärztlichen Nachwuchs wirke, erinnert Weigeldt. „Anstatt also die Hausärztinnen und Hausärzte aufzufordern, zukünftig weitere Sprechstunden samstags und spätabends anzubieten, sollten Sie dafür sorgen, dass Sie die Kolleginnen und Kollegen in den Praxen nicht durch überbordende bürokratische Regularien von der Versorgung der Patientinnen und Patienten abhalten."

Explizit fordert der Deutsche Hausärzteverband vom GKV-Spitzenverband

  • die Entbudgetierung typisch hausärztlicher Leistungen wie Hausbesuche, Geriatrie, Palliativmedizin und Gesprächsleistungen,
  • die Vergütung von Hausbesuchen, die auf einer betriebswirtschaftlichen Kalkulation, vergleichbar mit der bei technischen Leistungen, basiert,
  • die Stärkung der auf Pauschalen basierenden Hausarztverträge, als Alternative zu der überkomplexen EBM-Systematik sowie
  • eine gemeinsame Initiative von Krankenkassen und Ärzteschaft zur nachhaltigen Bekämpfung des Bürokratiewahnsinns in den Praxen.

Hoffnung auf Rückkehr zu "konstruktiver Zusammenarbeit"

Deutlich kritisiert der Hausärzte-Chef in seinem auf den 29. Juni datierten Brief darüber hinaus den gewählten Tonfall der Kassen: „Ihr Bestreben, sich in diesem Zusammenhang als Interessenvertreter der Patientinnen und Patienten zu profilieren, ist nicht nur ein Versuch, Ärzte und ihre Patienten gegeneinander auszuspielen, sondern beißt sich auch mit der Realität von Millionen Versicherten. Diese erleben tagtäglich, wie die Krankenkassen bei notwendigen Leistungen, beispielsweise im Heilmittelbereich, auf ihre Kosten versuchen zu sparen. Der GKV-Spitzenverband, als Dachorganisation der gesetzlichen Krankenkassen, ist angehalten, sich auf seine ihm gesetzlich auferlegten Aufgaben zu konzentrieren und von einem weiteren Hineinregieren in den Praxisalltag abzusehen!"

Positive Entwicklungen, etwa der Ausbau der Hausarztverträge oder die Förderung der allgemeinmedizinischen Weiterbildung, habe man ohne Unterstützung, teilweise sogar gegen expliziten Widerstand der Kassen, durchsetzen müssen.
Man hoffe nun darauf, dass der GKV-Spitzenverband „wieder zu einer konstruktiven Zusammenarbeit" zurückkehre, schließt Weigeldt.

 

(jk)