Mindestsprechstundenzahl

Weigeldt kritisiert „Entwertung von Hausbesuchen“

Für immobile Patienten ist der Hausbesuch oft unersetzbar. Doch wenn die Mindestsprechstundenzahl wie von Union und SPD geplant um fünf Stunden pro Woche angehoben wird, ist diese ärztliche Arbeitszeit noch nicht eingerechnet. Hausärzte-Chef Ulrich Weigeldt übt daran scharfe Kritik.

Berlin. Der Deutsche Hausärzteverband übt deutliche Kritik an der geplanten Ausweitung der Mindestsprechstundenzeiten von derzeit 20 auf 25 Stunden pro Woche. Dies sei eine kurzsichtige Maßnahme, die die Realitäten in den Praxen ignoriere – vor allem mit einem Blick auf die Hausbesuche. „Viele Patientinnen und Patienten sind auf die Hausbesuche angewiesen", erklärte Bundesvorsitzender Ulrich Weigeldt am Mittwoch (23. Mai). „Es ist nicht nachvollziehbar, dass die Zeit, die Hausärztinnen und Hausärzte mit dieser wichtigen Aufgabe verbringen, nicht zur Sprechstundenzeit gerechnet wird. Das ist nichts anderes, als eine Entwertung der Hausbesuche."

Union und SPD wollen das Mindestsprechstundenangebot von 20 auf 25 Stunden pro Woche ausweiten, um den Zugang zur Versorgung für gesetzlich Versicherte zu verbessern. Das ist im Koalitionsvertrag festgehalten.

Gesetzentwurf soll noch vor der Sommerpause kommen

Im Bundesmantelvertrag für Ärzte heißt es bislang, der Versorgungsauftrag sei dadurch zu erfüllen, „dass der Vertragsarzt an seinem Vertragsarztsitz persönlich mindestens 20 Stunden wöchentlich in Form von Sprechstunden zur Verfügung steht". Diese Vorgabe beziehe sich allein auf Sprechstunden, betonte Ann Marini, Sprecherin des GKV-Spitzenverbandes, auf Anfrage von "Der Hausarzt". "In dieser Logik bleibend, würde auch eine Verschiebung von 20 auf 25 Stunden pro Woche weiterhin für Sprechstunden ohne Hausbesuche gelten."

Auch die Bundesregierung bestätigte dies jüngst in ihrer Antwort auf eine parlamentarische Anfrage der Grünen. Die konkrete Umsetzung der Sprechzeitenerhöhung werde derzeit im Bundesministerium für Gesundheit geprüft, heißt es darin. „Es ist beabsichtigt, einen entsprechenden Gesetzgebungsvorschlag noch vor der Sommerpause vorzulegen."

Weigeldt: Flexibilität statt dirigistische Vorgaben!

Weigeldt betonte vor diesem Hintergrund, dass gerade für immobile Patienten der Hausbesuch unersetzbar sei. Er stelle für sie häufig die einzige Möglichkeit dar, einen Arzt zu konsultieren. „Hausbesuche müssen gefördert und nicht durch politische Vorgaben rationiert werden", so Weigeldt. Dazu gehöre auch eine vernünftige Vergütung. Er warnte davor, durch dirigistische Maßnahmen die spezifische Situation der einzelnen Praxis aus dem Blick zu verlieren: „Statt immer mehr Regularien, brauchen wir flexible Lösungen, die auch besondere Praxissituationen berücksichtigen." Dies sei besonders vor dem Hintergrund der Nachwuchsgewinnung unerlässlich.

Der Deutsche Hausärzteverband kritisiert bereits seit längerem die geplante Ausweitung der Mindestsprechstundenzahl von derzeit 20 auf zukünftig 25 Stunden. Dies sei ein unverhältnismäßiger Eingriff in die freiberufliche Arbeit der Ärztinnen und Ärzte. Laut einer Untersuchung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung arbeiten Hausärzte bereits heute im Schnitt über 53 Stunden pro Woche.

Auch eine Umfrage von "Der Hausarzt", an der sich im April insgesamt 118 Leser per Fax oder Online-Formular beteiligt hatten, zeigte, dass der deutlich überwiegende Teil (40 Prozent) bereits heute schon mehr als 30 Stunden pro Woche für gesetzlich versicherte Patienten da ist. Ein im qualitativen Teil der Umfrage mehrfach geäußertes Argument erinnerte daran, dass die Sprechstundenzeit "nicht gleich Arbeitszeit ist". Zusätzlich fallen für Praxisinhaber nicht zuletzt Versicherungs- und Patientenanfragen, Befund-/Laborauswertungen oder die Implementierung der Telematik an, betont ein Leser von "Der Hausarzt" – und fragte ebenfalls: "Wann sollen dann noch Hausbesuche gemacht werden?"

(jk)